Mehrwertsteuersenkung: Wirkung auf Preise
Ob eine Mehrwertsteuersenkung bei den Verbrauchern ankommt, hängt vor allem von der Branche ab. Im Handel mit starkem Wettbewerb wurden Senkungen in Studien zu großen Teilen weitergegeben – in Deutschland 2020 im Schnitt rund 86 %. In Restaurants und bei Dienstleistungen behielten Anbieter dagegen oft den größeren Teil. Außerdem wirken Senkungen schwächer auf die Preise als Erhöhungen.
Das Wichtigste in Kürze
- Theorie: Bei voller Weitergabe sinkt ein Preis um den Faktor (1 + neuer Satz) ÷ (1 + alter Satz) – bei 19 % → 7 % um 10,08 %.
- Handel: hohe Weitergabe (Deutschland 2020: rund 86 %; Spanien 2023: nahezu vollständig).
- Gastronomie und Dienstleistungen: geringe Weitergabe (Frankreich 2009: deutlich unter der Hälfte).
- Asymmetrie: Erhöhungen werden schneller und stärker weitergegeben als Senkungen.
- Diese Seite fasst Studien zusammen; sie gibt keine politische Empfehlung.
Inhalt
Was eine Mehrwertsteuersenkung rechnerisch bewirkt
Weil die Mehrwertsteuer auf den Nettopreis aufgeschlagen wird, sinkt der Bruttopreis bei vollständiger Weitergabe nicht um die Differenz der Steuersätze, sondern um den Faktor der beiden Bruttofaktoren:
Neuer Preis = alter Preis × (1 + neuer Satz) ÷ (1 + alter Satz)
| Änderung | Faktor | Preisänderung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 19 % → 16 % (2020) | 0,9748 | −2,52 % | allgemeine Senkung Juli–Dezember 2020 |
| 7 % → 5 % (2020) | 0,9813 | −1,87 % | Lebensmittel im zweiten Halbjahr 2020 |
| 19 % → 7 % | 0,8992 | −10,08 % | Speisen im Restaurant 2020 und 2026, Gas 2022 |
| 7 % → 0 % | 0,9346 | −6,54 % | diskutierter Nullsatz für Lebensmittel |
Den Preis für eigene Beträge berechnet der Rechner oben bzw. die Seite Preisänderung bei neuem Mehrwertsteuersatz. Wer die Steuer wirtschaftlich trägt, erklärt Wer zahlt die Mehrwertsteuer?
Mehrwertsteuersenkung und Preise: die Evidenz
| Episode | Studie | Ergebnis |
|---|---|---|
| Deutschland 2020, allgemeine Senkung | ZEW (2021), Scannerdaten | rund 86 % weitergegeben; Gebrauchsgüter etwa 96 %, Verbrauchsgüter etwa 76 % |
| Deutschland 2020, Supermärkte | ifo Institut (2020), über 60.000 Produkte | deutliche Preissenkungen schon im Juli 2020 |
| Spanien 2023, Grundnahrungsmittel auf 0 % | Banque de France, Working Paper 951 (2024) | nahezu vollständige Weitergabe bei einem großen Online-Supermarkt |
| Polen 2022–2024, Lebensmittel 0 % und zurück auf 5 % | Narodowy Bank Polski, Working Paper 384 | Senkung schnell und fast vollständig weitergegeben, Wiederanhebung nur teilweise |
| Frankreich 2009, Restaurants 19,6 % → 5,5 % | Benzarti/Carloni, American Economic Journal: Economic Policy (2019) | Preise sanken nur um einen Bruchteil des möglichen Effekts; der Großteil kam Inhabern zugute |
| Finnland, mehrere Reformen | Benzarti/Carloni/Harju/Kosonen, Journal of Political Economy (2020) | Erhöhungen werden deutlich stärker weitergegeben als Senkungen |
Die Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres übertragbar: Sie beziehen sich auf unterschiedliche Märkte, Zeiträume und Datenquellen. Einige Studien untersuchen nur einen Händler. Einzelheiten zur deutschen Senkung 2020: Mehrwertsteuersenkung 2020.
Warum die Weitergabe unterschiedlich ausfällt
- Wettbewerb: In Märkten mit vielen Anbietern und vergleichbaren Produkten – Supermärkte, Elektronik, Autohandel – zwingt der Wettbewerb zur Weitergabe. Wer nicht senkt, verliert Kunden.
- Befristung: Bei kurzen, angekündigten Senkungen lohnt sich die Preisänderung für manche Anbieter nicht, weil sie bald zurückgenommen wird. Für Kunden kann eine befristete Senkung dagegen Anreize setzen, Käufe vorzuziehen.
- Preisanpassungskosten: Neue Speisekarten, Preisschilder und runde Preise (z. B. 4,90 € statt 4,79 €) führen dazu, dass kleine Senkungen nicht weitergegeben werden.
- Kostendruck: Steigen gleichzeitig Kosten für Energie, Personal oder Waren, nutzen Betriebe die Steuersenkung, um höhere Kosten aufzufangen. Ohne Senkung wären die Preise dann gestiegen – der Effekt ist im Preisindex schwer sichtbar.
- Regulierte Abrechnung: Wo der Steuersatz direkt auf der Rechnung angewendet wird, etwa bei Gas und Strom, kommt die Senkung rechnerisch vollständig an (Senkung der Gas-Mehrwertsteuer).
Asymmetrie: Erhöhungen wirken stärker als Senkungen
Mehrere Studien finden, dass Unternehmen Steuererhöhungen schneller und vollständiger auf die Preise aufschlagen, als sie Senkungen weitergeben. Für Polen zeigt die Studie der Zentralbank: Die Senkung auf 0 % kam 2022 fast vollständig an, die Rückkehr auf 5 % im April 2024 wurde nur teilweise und verzögert eingepreist. Für die Politik heißt das: Eine befristete Senkung kann nach ihrem Ende ein höheres Preisniveau hinterlassen als vorher – oder umgekehrt, wenn Händler aus Wettbewerbsgründen die Erhöhung nicht weitergeben. Auch die Erhöhung 2007 wurde laut Bundesbank nur zeitversetzt und nicht überall vollständig weitergegeben (Mehrwertsteuererhöhung 2007).
Gastronomie: der Sonderfall
Restaurants sind das am häufigsten untersuchte Beispiel für geringe Weitergabe. In Frankreich sanken die Restaurantpreise nach der Senkung 2009 nur leicht. In Deutschland wurde die Senkung für Speisen 2020 mit dem Ziel eingeführt, Betriebe in der Pandemie zu stützen – eine Weitergabe an Gäste war nicht das Hauptziel. Auch bei der dauerhaften Senkung seit dem 1. Januar 2026 besteht keine Pflicht, die Preise zu senken; Branchenvertreter verwiesen auf gestiegene Personal- und Lebensmittelkosten. Die Daten des Statistischen Bundesamts zeigen: Gaststättendienstleistungen waren im Januar 2026 trotz der Senkung um 3,6 % teurer als ein Jahr zuvor, im August 2026 um 3,1 % (Stand: Oktober 2026). Die Preise stiegen also weiter, wenn auch etwas langsamer; wie viel der Senkung weitergegeben wurde, lässt sich aus diesen Zahlen allein nicht ablesen. Hintergrund: Mehrwertsteuer in der Gastronomie 2026 und Gastronomie 2024.
Kosten für den Staat
Steuersenkungen kosten unabhängig davon, ob sie weitergegeben werden. Die allgemeine Senkung 2020 verursachte rund 20 Mrd. € Mindereinnahmen für ein halbes Jahr. Ein Nullsatz für Lebensmittel wird auf rund 17 Mrd. € pro Jahr geschätzt. Die Mehrwertsteuer brachte 2025 insgesamt rund 310 Mrd. € ein (Mehrwertsteuer-Einnahmen). Wie Senkungen auf die gemessene Inflationsrate wirken, erklärt Mehrwertsteuer und Inflation; zur aktuellen Debatte um einen Nullsatz: 0 % Mehrwertsteuer auf Lebensmittel.
Häufige Fragen
Kommt eine Mehrwertsteuersenkung bei den Verbrauchern an?
Teilweise. Im Handel mit starkem Wettbewerb wurde sie in Studien zu großen Teilen weitergegeben, in Deutschland 2020 im Schnitt zu rund 86 %. In Restaurants und bei vielen Dienstleistungen war die Weitergabe deutlich geringer.
Um wie viel sinken Preise bei einer Mehrwertsteuersenkung von 19 % auf 7 %?
Bei vollständiger Weitergabe um 10,08 %. Aus 100,00 € werden 89,92 €.
Müssen Händler eine Mehrwertsteuersenkung weitergeben?
Nein. Preise sind frei kalkulierbar. Eine gesetzliche Pflicht zur Weitergabe gibt es in Deutschland nicht.
Warum steigen Preise nach dem Ende einer Senkung manchmal stärker?
Studien zeigen eine Asymmetrie: Erhöhungen werden schneller und vollständiger weitergegeben als Senkungen. So kann nach einer befristeten Senkung ein höheres Preisniveau bleiben.
Quellen
- ZEW: Verbraucherpreisentwicklung nach Senkung der Mehrwertsteuer (Gutachten, 2021)
- Benzarti, Y.; Carloni, D.: Who Really Benefits from Consumption Tax Cuts? Evidence from a Large VAT Reform in France. American Economic Journal: Economic Policy 11(1), 2019
- Benzarti, Y.; Carloni, D.; Harju, J.; Kosonen, T.: What Goes Up May Not Come Down: Asymmetric Incidence of Value-Added Taxes. Journal of Political Economy 128(12), 2020
- Banque de France, Working Paper 951: Analysing VAT cut pass-through in Spain using web-scraped supermarket data (2024)
- Narodowy Bank Polski, Working Paper 384 (Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel 2022 und Rücknahme 2024)
- Deutsche Bundesbank: Monatsbericht April 2008
- Statistisches Bundesamt: Pressemitteilungen zur Inflationsrate Januar 2026 (Nr. 051) und August 2026 (Nr. 320)